Montag, 2. Februar 2015

Poesie: Der Tod (Gotthold Ephraim Lessing)

Der Tod

Gestern, Brüder, könnt ihrs glauben?
Gestern bei dem Saft der Trauben,
(Bildet euch mein Schrecken ein!)
Kam der Tod zu mir herein.

Drohend schwang er seine Hippe,
Drohend sprach das Furchtgerippe:
Fort, du reurer Bachusknecht!
Fort, du hast genug gezecht!

Lieber Tod, sprach ich mit Tränen,
Solltst du dich nach mir sehnen?
Siehe, da steht Wein für dich!
Lieber Tod verschone mich!

Lächeld greift er nach dem Glase;
Lächelnd macht ers auf der Base,
Auf der Pest, Gesundheit leer;
Lächelnd setzt ers wieder her.

Fröhlich glaub' ich mich befreiet,
Als er schnell sein Drohn erneuet.
Narre, für ein Gläschen Wein
Denkst du, spricht er, los zu sein?

Tod, bat ich, ich möcht' auf Erden
Gern ein Mediziner werden,
Lass mich: Ich verspreche dir
Meine Kranken halb dafür.

Gut, wenn das ist, magst du leben;
Ruft er. Nur sei mir ergeben.
Lebe, bis du sattgeküsst,
Und des Trinkens müde bist.

O! Wie schön klingt dies den Ohren!
Tod, du hast mich neu geboren.
Dieses Glas voll Rebensaft,
Tod, auf gute Brüderschaft!

Ewig muss ich also leben,
Ewig! denn, beim Gott der Reben!
Ewig soll mich Lieb' und Wein,
Ewig Wein und Lieb' erfreun!

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) 


 Musikalische Interpretation:


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