Sonntag, 20. Oktober 2013

Poesie: Herbstlich sonnige Tage (Emanuel Geibel)

Herbstlich sonnige Tage

Herbstlich sonnige Tage,
Mir beschieden zur Lust,
Euch mit leiserem Schlage
Grüßt die atmende Brust.

O wie waltet die Stunde
Nun in seliger Ruh!
Jede schmerzende Wunde
Schließet leise sich zu.

Nur zu rasten, zu lieben,
Still an sich selber zu baun,
Fühlt sich die Seel getrieben
Und mit Liebe zu schaun.

Jedem leisen Verfärben
Lausch ich mit stillem Bemühn,
Jedem Wachsen und Streben,
Jedem Welken und Blühn.

Was da webet im Ringe
Was da blüht auf der Flur,
Sinnbild ewiger Dinge
Ists dem Schauenden nur.

Jede sprossende Pflanzem
Die mit Düften sich füllt,
Trägt im Kelche das ganze
Weltgeheimnis verhüllt.

Emanuel Geibel (1815-1884)


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